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untitled-Newsletter

In einem ihrer letzten Newsletter wies Jenni auf einen Artikel von Joan Westenberg hin: »I Deleted My Second Brain: Why I Erased 10,000 Notes, 7 Years Of Ideas, And Every Thought I Tried to Save«. Darin berichtet Joan, was für eine Befreiung es für sie war, alle digitalen Notizen und Aufgaben aus all ihren digitalen Produktivitätsapps und ihrem Second Brain in Obsidian zu löschen.

Das Gefühl und den Drang, alles zu löschen und dann neu, auf einer leeren Seite zu beginnen, kenne ich auch. Ich kenne es sogar zu gut. Bei mir entsteht es meist aus einem Gefühl der Überforderung oder manchmal auch aus dem Gefühl, dass der Prozess doch nicht passt oder ich dem Prozess entwachsen bin. Halb gefüllte Notizbücher und verschobene Ordner auf externen Festplatten zeugen von diesen Gefühlen.

Der Wechsel meiner Notiz-App von Evernote zu Bear vor gut einem Jahr (siehe dazu untitled-Newsletter #04 und untitled-Newsletter #05) war für mich wieder die Möglichkeit auf einem leeren Blatt zu beginnen und die Euphorie war – wie immer – am Anfang groß. Mittlerweile ist diese Euphorie verflogen und ich habe zudem neue Wege gelernt, mit dem Programm umzugehen, sodass auch in mir der Wunsch wuchs noch mal neu mit einem leeren Programm zu starten. Aber ich habe diesem Drang bisher widerstehen können, denn für mich steht ein anderes Bild im Mittelpunkt: Es ist mein Jardin Intérieur und nicht mein Second Brain.

Der Begriff ›Jardin Intérieur‹, oder im Englischen ›Mind Garden‹, wurde von Anne-Laure Le Cunff in ihrem Artikel »You And Your Mind Garden« aus dem Französischen entlehnt, beschreibt aber ein ähnliches Konzept wie das ›Second Brain‹ oder der Luhmann’sche ›Zettelkasten‹: Das Sammeln und Verknüpfen von Informationen. Beim ›Jardin Intérieur‹ geht es aber um ein Kultivieren und Pflegen der Notizen, wie bei einem Garten.

Das Konzept des ›Second Brain‹ und die damit verbundenen Tools, wie Roam oder Obsidian, werden mit einem technischen Heilsversprechen beworben, wie auf der Website Build A Second Brain von Tiago Forte:

Get the Second Brain Quickstart Guide to start building your Second Brain, increase your productivity, and ​​lead a more fulfilling life with more ease and less stress.

Also: »Folge dieser Methode und du wirst das Leben führen, das du dir immer gewünscht hast!« In der Vermarktung dieser Ideen werden diese Methoden ausgeweitet zu universalen Lebensweisen und -weisheiten, dabei sind sie nur eines: Werkzeuge. Und nicht jedes Werkzeug passt zu einem, zu einer speziellen Situation oder zu einer Lebensphase. Ob ein solches Werkzeug zu einem passt, das kann man nur herausfinden, indem man sich damit auseinandersetzt und es ausprobiert. Man muss sich auch nicht sklavisch der vermeintlich perfekten Methode unterwerfen, sondern man muss sie auf sich und seine Situation anpassen. So führe ich auch meine Notizbücher nach der Bullet-Journal-Methode, aber manchmal passt es einfach nicht und das Notizbuch liegt ein paar Wochen unberührt auf dem Schreibtisch, aber ich komme immer wieder dahin zurück, weil es mir in anderen Lebensphasen wieder hilft, die Übersicht zu bewahren.

Egal, ob nun Second Brain, Bullet Journal oder ein Notion Personal Dashboard: es sind nur Werkzeuge. Aber man darf nicht vergessen, dass es Ideale sind, die uns über Social Media oder über die Websites verkauft werden. Es sind Heilsversprechen für unsere, auf persönliche Effizienz und Produktivität getrimmte, Zeit. Was nicht heißt, dass der Kern der Methoden per se schlecht ist. Vor einiger Zeit habe ich mich für eine Hausarbeit kritisch mit der Bullet-Journal-Methode auseinandergesetzt, unter dem Titel: »Bullet Journal als Phänomen des agilen Kapitalismus« (bei Interesse, schreibt mich einfach an). Die Grundidee von Ryder Caroll, dem Erfinder des Bullet Journal, ist simpel und kann eine Methode sein, um Übersicht und Klarheit in sein Leben zu bekommen. Im Buch, das er vor einigen Jahren herausbrachte, wird aber aus der simplen Methode, die man in ein paar Minuten erklären kann, eine Selbstoptimierungsmaschine. Und die Website, die einst die Methode beschrieb, ist nun ein Shop geworden, der einem das Buch, Materialien, Kurse und Trainings verkauft. Und beim Second Brain ist es nicht anders.

Und so ist mein Jardin Intérieur kein englischer Hofgarten, der von einer ganzen Armada von Gärtner:innen gepflegt wird, sondern eher wie der Garten um Peter Lustigs Bauwagen: Um den Lebensmittelpunkt gut gepflegt und ringsumher eher wild – dort müsste dringend mal wieder gegossen werden und die andere Ecke bräuchte mal einen radikalen Schnitt. Oder, um im Bild mit dem Werkzeug zu bleiben: Das Leben ist eine Werkstatt, in der gearbeitet wird und nicht der perfekt aufgeräumte Raum für ein Photoshooting.

In Bear habe ich nun knapp 3.000 Notizen, in Evernote sind immer noch gut 8.500 und diese werde ich alle, so wie sie sind, demnächst in Bear umziehen. Denn es ist mein Jardin Intérierur, so unperfekt wie er ist. Und im Moment komme ich gut damit zurecht, ohne alles zu löschen und auf einer leeren Seite von vorne zu beginnen. Denn es ist nur ein Werkzeug, das für mich im Moment gut funktioniert.


Dieser Beitrag erschien zuerst am 01.08.2025 im untitled-Newsletter #18. → Zur Anmeldung.

OpenAI, die Firma hinter ChatGPT, hat eine weitere LLM bzw. generative KI veröffentlicht: OpenAI Sora. Eine generative KI die auf Basis von ›Prompts‹ (also Text) bis zu 60 Sekunden lange Videos produzieren kann. Über die Kinderkrankheiten sollte man hinwegsehen, die werden schnell ausgebügelt sein. Die Ergebnisse sind beeindruckend und erschreckend zu gleich: Wofür soll das gut sein, außer für die Disruption des Stock-Video-Marktes und dem Erstellen von Fakes und Desinformation?

Dafür:

It's for training data for AGI-1. You'd think enough video exists in the world but it's actually not well labeled for AI to understand. In this way they can create memories from infinite lives AND store all the concepts used to generate them. They'll use people to help tune which data is good (thumbs up the good generations) and then it all gets fed into the next gen AI that can truly think.
via @nrose bei Threads am 2024-02-15, 22:19.

Es geht OpenAI, und anderen KI-Firmen, darum, den Sprung von Generative AI (GAI) zu Artificial General Intelligence (AGI) zu schaffen: Weg von Algorithmen, die nur raten und nicht denken können, hin zu einer »echten« KI, die selbst denkt. Und dafür braucht es Trainingsdaten. Jede Menge Trainingsdaten. Denn KIs bzw. LLMs sind langsame Lerner und auch wenn YouTube jeden Tag mit mehr Videos bestückt wird, als man noch gucken kann, sind die Daten nicht gut für Trainings verwertbar, denn es fehlen Beschreibungen, Meta-Daten und Kontexte; und hier helfen GAIs die die Beschreibung durch einen Prompt erhalten, dann Texte, Bilder oder Videos erzeugen und Feedback durch User, ob das Ergebnis dem Wunsch bzw. dem Prompt entspricht.

Der Weg zur »echten«, selbstdenkenden KI ist sicherlich noch lang, aber der Weg dorthin wird noch mit einigen erschreckenden Überraschungen und Werkzeugen aufwarten.


Dieser Beitrag erschien zuerst im untitled-Newsletter 01 am 01.03.2024.

Hallo erlesene Leserschaft,

und willkommen zur ersten Ausgabe des untitled-Newsletters! Ich freue mich sehr, dass ihr euch mit mir auf diese etwas ungewisse Reise begebt. In der letzten Woche bin ich meine gespeicherten Notizen, Links, Screenshots, Instagram-, Threads-, Mastodon- und Bluesky-Posts durchgegangen – oh my, wie viel kann man eigentlich in einem Monat anhäufen?! – und kompiliere euch daraus die, aus meiner Sicht, interessantesten Dinge aus dem Spannungsfeld von Design, Philosophie, Technologie, Umwelt(schutz) und Urbanismus/Architektur.

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